Angsthasen – Ein Oster-Kurzkrimi

Schreibe einen Kommentar
easter-2173193_640

Viel Spaß mit diesem Kurzkrimi und frohe Ostern!

Angsthasen

Es klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ununterbrochen. Hubbi hob den Kopf. Was sollte das?
„Mutter! Da ist jemand an der Tür! Geh doch mal hin.“
Es klingelte weiter Sturm. Hubbi seufzte und wälzte sich aus dem Bett. Es war erst kurz vor halb vier. Wer kam bitte auf die Idee, sie am Ostersonntag-Nachmittag aus dem Bett zu klingeln?
Noch halb schlafend schlurfte sie zur Tür und öffnete. Vor ihr stand Isabell, die fünfjährige Tochter der Nachbarn. Hubbi mochte Isabell. Wenn Isabell Hubbi irgendwo sah, lief sie sofort zu ihr hin und erzählte ihr Geschichten aus dem Kindergarten, von Zuhause und darüber, was sie alles mit ihren Freundinnen erlebt hatte. Isabell war immer fröhlich. Nur jetzt nicht. Jetzt liefen Tränen über ihr Gesicht und sie schluchzte.
„Hey, Kleines, was ist denn passiert?“ Hubbi bückte sich und nahm das Mädchen in den Arm und drückte es an sich.
„Er… er… ist… ttt… tttto…tot!“ heulte sie. Bei Hubbi schrillten alle Alarmglocken. War Maja und Jörg, Isabells Eltern, etwas zugestoßen? Ein Unfall?
„Wer denn?“
„Hhhho… Hhhoo… Hhhhoppel!“
Hubbi atmete auf. Hoppel war Isabells hellbraunes Zwergkaninchen. Wobei die Bezeichnung nicht ganz passte. Hoppel war, nachdem er Zwergkaninchengröße erreicht hatte, noch eine ganze Weile weitergewachsen. Jetzt war er eher ein Riesenrammler. Er war so schwer, dass Isabell ihn nicht hochheben konnte. Trotzdem liebte sie ihr Hoppel abgöttisch.
„Jetzt mal ganz ruhig. Was ist passiert?“
Isabells Atmung beruhigte sich ein wenig. „Ich zeig es dir“, sagte sie und zog Hubbi an der Hand ins Freie. Sie wollte gerade die Tür hinter sich zuschlagen, als ihr auffiel, dass sie noch immer ihren Schlafanzug trug. Den ganz alten mit den verwaschenen Herzchen. Sie schlüpfte in ihre Stiefel und warf sich einen Wintermantel über. Der verdeckte sie zumindest bis zu den Knien. Für die paar Meter bis zu Isabells Haus sollte das reichen.
Isabell führte Hubbi sofort in den Garten. Dort lebte Hoppel in einem Hasenstall aus Holz. Maja war gegen die Außenhaltung gewesen. Sie hatte befürchtet, ein Fuchs könnte sich Hoppel holen. Doch Jörg hatte gewitzelt, dass eher Hoppel dem Fuchs den Garaus machen würde als umgekehrt.
Hatte Maja vielleicht doch recht gehabt mit ihrer Ahnung? Die Tür des Hasenstalls stand weit offen. Hoppel war nicht darin. Hubbi ging einen Schritt näher an den Stall heran. Im Rasen vor dem Stall lag das aufgebrochene Schloss. Und ein blutiges Taschenmesser.
„Da, siehst du?“, sagte Isabell und Hubbi hörte, wie sie wieder mit den Tränen kämpfte. „Jemand hat Hoppel ermordet.“
Es sah wirklich ganz danach aus. Hubbi bückte sich und sah sich die Indizien genauer an. Das Schloss ein einfaches Modell aus dem Baumarkt – war total zerkratzt. Offenbar hatte jemand versucht, es zu öffnen, und hatte es schließlich mit Gewalt aufgebrochen. Die Klinge des Taschenmessers war blutig und es klebten ein paar hellbraune Haare daran.
Isabell heulte und redete zugleich, weshalb Hubbi nur ab und zu ein Wort verstand. Offenbar hatten nur Isabell und ihre Eltern einen Schlüssel zu dem Schloss. Isabell zog eine Kette aus ihrem Kleid, an dem ein kleiner silberner Schlüssel baumelte.
Hubbi ging ein paar Schritte, die Augen immer auf den Boden gerichtet. Da, auf der Terrasse, war ein weiterer Bluttropfen! Und da noch einer! Die Spur führte direkt zur Terrassentür, die nur angelehnt war. Als Hubbi näher trat, sah sie einen blutigen Handabdruck auf dem Glas.
Was zum Teufel war hier passiert?
Sie nahm Isabell an die Hand. „Pass auf Kleines, wir gehen jetzt mal im Haus gucken. Du hältst dich schön bei mir fest, versprochen?“ Sie nickte.
Hand in Hand ging sie ins Haus. „Jörg? Maja?“, rief Hubbi, doch niemand antwortete. Was, wenn das Blut gar nicht von dem Hasen stammte, schoss es Hubbi durch den Kopf. Was, wenn hier etwas viel Schlimmeres passiert ist als ein Kaninchenmord?
Die Blutspur führte die Treppe hoch. Hubbi und Isabell folgten ihr vorsichtig. Das Mädchen war jetzt ganz still. Hubbi dachte, dass es vielleicht keine gute Idee gewesen war, sie mitzunehmen. Wer wusste schon, was sie dort oben erwartete?
Vor der Badezimmertür waren besonders viele Bluttropfen.
„Du wartest hier“, sagte Hubbi und Isabell nickte.
Mit pochendem Herzen schob Hubbi die Tür auf und ging einen Schritt hinein. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Der Wannenrand war blutverschmiert.
Sie wollte wegrennen, doch die Neugier siegte. Außerdem wollte sie vor Isabell nicht als Versager dastehen. Das Mädchen bewunderte sie, und da sie der einzige Mensch war, der so dachte, wollte Hubbi ihren einzigen Fan nicht verlieren.
Sie nahm all ihren Mut zusammen und ging zur Wanne.
Darin saß Hoppel. Sein hellbraunes Fell war rot vor Blut, doch er wirkte ziemlich lebendig. Als er Hubbi sah, versuchte er an den glatten Wänden der Wannen hinauf zu klettern, doch es gelang ihm nicht.
Hubbi atmete spürbar aus. Hoppel lebte. Doch woher kam all das Blut? Neben dem Kaninchen lag ein Stapel benutzter Handtücher. Sie wickelte ihn in eins und wollte ihn gerade aus der Wann holen, als ihr etwas ins Auge fiel, das unter den Handtüchern versteckt war.

***
Hoppel hatte bei seinem Vollbad im Küchenwaschbecken etwas protestiert, sich aber gleich wieder beruhigt, als Isabell ihn mit Kohlrabi gefüttert hatte. Jetzt saßen sie zu dritt auf der Couch und warteten. Hubbi wollte das Mädchen nicht alleine lassen. Außerdem musste sie noch wissen, ob ihre Vermutung richtig war.
Die Haustür öffnete sich und ein paar Minuten später stand ein ziemlich verdutzter Jörg in der Tür. „Isabell? Was machst du denn hier? Du warst doch bei deiner Freundin? Und Hubbi…?“
„Hallo Jörg, alles wieder OK bei dir?“
„Wie meinst du das?“
„Du warst doch im Krankenhaus, oder? Wie viele Stiche?“
Jörg zog den Ärmel seines Pullovers hoch und zeigte den Verband. „Fünf. Woher wusstest du das?“
„Was? Dass du den Hasenstall aufgebrochen und dich dabei geschnitten hast?“
„Ja, ist dumm gelaufen. Ich habe den Schlüssel nicht gefunden.“
„Naja, ist ja alles gut gegangen. Und deine Idee war ziemlich gut.“
Jörg schaute noch immer ziemlich verwirrt, als Hubbi den winzigen Rucksack aus Filz hervorzog.
„Hoppel als Osterhase wäre wirklich eine tolle Überraschung für Isabell gewesen. Nur dabei hast du eins nicht bedacht?“
„Was?“
Isabell schaute erst Hubbi an, dann ihren Vater und dann schrie sie lachend: „Der Rucksack ist ihm viel zu klein!“

Hier geht es zum Newsletter

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>