Eierlikör – Ein Weihnachts-Kurzkrimi mit Schuss

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Es weihnachtet gar sehr im Sauerland. Das ist allerdings kein Grund, um nett zu seinen Mitmenschen zu sein. Und sich die eine oder andere Gaunerei zu verkneifen, wie Hubbi am eigenen Leib feststellen muss.

Ich wünsche dir schöne Weihnachten und viel Spaß mit diesem besinnlichen Hubbi-Kurzkrimi!

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Schneeflocken tanzten in der Luft und legten sich auf die Mützen und Schultern der lachenden Menschen. Der Hüttenzauber einen Tag vorm Affelner Weihnachtsmarkt war so gut besucht wie seit Jahren nicht mehr.
Gut für Hubbi.
Sie hatte nämlich auf den letzten Drücker eine der niedlichen Verkaufs-Hütten ergattert. Die ursprünglichen Mieter hatten abgesagt. Dummerweise war es Ehrensache, dass die Einnahmen aus dem Verkauf gespendet wurden. Eigentlich sollten Hubbis Erlöse dem Erhalt der Nuckelpinne zugutekommen. Die Eckkneipe, die sie von ihrem Opa geerbt hatte, stand nämlich ständig vor dem Bankrott. Schließlich hatte sie sich aber zähneknirschend dazu entschlossen, einen Teil dem Tierheim zu spenden. Sie hätte schwören können, dass ihr Dackel Meter wohlwollend genickt hatte, als sie ihm das verkündete.
Natürlich ließen ihre Stammgäste sie nicht hängen. Berthold und Gerda halfen abwechselnd aus, wenn Hubbi mal aufs Klo musste. Oder wenn sie Nachschub produzieren musste.
„Na, Hubbi, was gibt’s denn bei dir leckeres?“, fragte Karl-Heinz, dessen rotes Gesicht darauf schließen ließ, dass er sich bereits ein Mal um den Platz getrunken hatte.
„Warmen Eierlikör.“
Karl-Heinz schüttelte sich: „Frauen-Gesöff!“
„Der erste geht auf’s Haus.“
„Hm…“, sagte Karl-Heinz. Hubbi sah, wie es in seinem Gehirn arbeitete. Etwas Kostenloses abzulehnen lag einfach nicht in seiner Natur.
„Na, dann probier ich die süße Plörre eben“, brummte er.
Hubbi füllte einen essbaren Schnappspinn mit dem dickflüssigen Likör und reichte sie Karl-Heinz.
„Und?“, wollte Gerda wissen.
„Hmpf… nicht so ekelig, wie ich dachte. Schmeckt wie Vanillepudding mit Schuss.“
Hubbi grinste. Wenn sogar Karl-Heinz ihren Eierlikör mochte, dann würde sie garantiert alles loswerden.
„Wusste ja gar nicht, dass du so gut kochen kannst“, sagte er.
Hubbi wollte gerade etwas über ein altes Familienrezept erzählen, als Berthold sie unterbrach. „Kann sie auch nicht. Sie hat so ein Turbomix-Ding.“
„Ein was?“
„Einen Thermomix“, korrigierte Gerda. „Diese sauteuren Küchengeräte, die jetzt alle haben.“
„Ach, sowas! Das wollte meine Frau auch mal kaufen. Ich hab ihr nen Vogel gezeigt. 1000 Euro für nen Mixer, hab ich gesagt, ich glaub bei dir hackt’s?!“
„Ich würde mir sowas ja auch nie kaufen“, sagte Hubbi. „Edeltraud hat mir ihren für heute Abend geliehen.“
Edeltraud war eine Freundin von Hubbis Mutter. Sie war eine gestandene Hausfrau, die liebend gerne die dreckigen Fenster und unordentlichen Vorgärten ihrer Nachbarn bemäkelte. Seit kurzem war sie als Thermomix-Vertreterin unterwegs, was ihr die Gelegenheit gab, endlich in die Wohnungen anderer Hausfrauen zu schauen und noch mehr Mängel zu entdecken. Angeblich machte sie mit dem Job auch noch ein Schweinegeld. Damit prahlte sie zumindest immer. Den Thermomix hatte sie Hubbi nur unter der Bedingung geliehen, in der Nuckelpinne eine ihrer Verkaufsveranstaltungen abhalten zu können, was Hubbi insgeheim gefreut hatte. Kochen und kaufen machte schließlich durstig. Natürlich musste Hubbi das Gerät sauber und unbeschädigt wieder zurückgeben, sonst würde Edeltraud ihr den vollen Preis abknöpfen. Und 1000 Euro hatte sie grade so überhaupt nicht übrig.
Nun stand der Thermomix in der Nuckelpinne und Hubbi fand ihn im Augenblick unglaublich praktisch. Sie musste bloß alle Zutaten hineinschütten, ihn anschalten und dann ein paar Minuten warten, bis die nächste Ladung Eierlikör fertig war. Heute Abend konnte das Gerät zeigen, was es drauf hatte: Es lief fast ununterbrochen, so begehrt war Hubbis Eierlikör bei den Hüttenzauber-Besuchern.
„Letzte Kelle!“, verkündete Gerda. Das war Hubbis Stichwort. Sie schnappte sich Meter, der elendig zitternd in einer Ecke der Hütte hockte: „Komm“, sagte sie zu ihrem Dackel, „Zeit für Nachschub.“
Meter wackelte mit dem Schwanz. Er freute sich auf eine Aufwärmpause in der Nuckelpinne.
Nichtsahnend schloss Hubbi die Eingangstür der Nuckelpinne auf. Meter lief sofort zur Heizung und legte sich darunter.
Den Thermomix hatte sie am Abend auf einem Stapel Bierkisten abgestellt, dem einzigen Standort, den sie auf die Schnelle finden konnte. Nach fünf Ladungen Eierlikör sah der Vorratsraum wie ein Schlachtfeld aus. Beim Umfüllen hatte Hubbi schon einiges verschüttet. Der Boden klebte und der Thermomix war kaum wieder zu erkennen. Allerdings fehlte ihr die Zeit – und auch die Lust – das Gerät zwischen den Durchgängen zu reinigen. Es würde schließlich vollauf genügen, wenn sie Edeltraud ihr Schätzchen am Ende sauber zurückgab.
Hubbi hängte ihre Jacke an einen Garderobenhaken, ging in den Vorratsraum und erstarrte: Der Thermomix war weg! Sie schaute hinter die Kisten, vielleicht war er ja herunter gefallen. Nichts. Unter, im und hinter dem Regal war er ebenfalls nicht. Hubbi schaute sogar in den Bierkühlschrank. Doch auch da: Kein Thermomix.
Sie spürte, wie ihr Puls schneller ging. Jemand war eingebrochen und hatte den Thermomix gestohlen.
Edeltraud würde sie erwürgen, pürieren und sie als Dünger in ihrem gepflegten Vorgarten verstreuen. Genügend Thermomixe hatte sie ja.
Hubbi zwang sich, tief durch zu atmen. Sie schloss die Augen. So konnte sie besser nachdenken. Doch ein komisches Geräusch störte sie. Es klang wie ein Schlabbern und kam aus dem Gastraum.
Meter schleckte über den Boden. Hubbi beugte sich zu ihm herunter um zu sehen, was er da aufleckte: Eine Spur gelber Tropfen zog sich bis zur Eingangstür.
Sie wischte einen Tropfen mit dem Finger auf und ekelte sich ein bisschen vor sich selbst, als sie ihn an ihre Lippen führte.
Eierlikör.
Meter schleckte sich bis zur Tür und sah Hubbi dann genervt an. Sie öffnete die Tür und schaute, wohin ihr verfressener Dackel lief. Zu ihrer Erleichterung schlug er nicht den Weg zurück zum Hüttenzauber an, sondern lief in die entgegengesetzte Richtung. Tropfen für Tropfen folgte sie ihm, bis sie schließlich vor dem Haus von Edeltraud stand.
An der Türschwelle endete die Tröpfchenspur abrupt.
Hubbi überlegte: Warum sollte Edeltraud den Thermomix gestohlen haben? Andererseits: Wenn sie davon erfuhr, dass das Gerät weg war, würde sie Hubbi sofort die 1000 Euro abknöpfen.
Hubbi klingelte. Edeltraud öffnete sichtlich geschockt, hatte sich aber eine Sekunde später wieder unter Kontrolle.
„Hubbi! Was machst du denn hier? Ich dachte du bist beim Hüttenzauber.“
„Edeltraud, ich brauche einen Tipp von dir. Darf ich reinkommen?“
Ohne ein Antwort abzuwarten ging sie ins Haus und schnurstracks in die Küche.
Da stand er! Ihr Thermomix! Offenbar hatte Edeltraud schon damit begonnen, ihn zu säubern.
„Du bist also in die Nuckelpinne eingebrochen!“
„Eingebrochen?! Die Tür war nicht abgeschlossen. Ich habe nur den Thermomix in Sicherheit gebracht.“
„Und warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?“
Edeltraud rang die mit Eierlikör verklebten Finger.
„Du wolltest mir das Geld abknöpfen und den Thermomix danach noch verkaufen, stimmt’s?“
„So einen ungeheuerlichen Vorwurf…“
Meter bellte. Etwas schief, aber noch so laut, dass Edeltraud zusammenzuckte.
„Hubbi, ich bitte dich, erzähl niemandem davon. Es gibt so viele Thermomix-Vertreterinnen, da ist es schwer an Kunden zu kommen.“
Hubbi überlegte. Einerseits wollte sie Edeltraud nur zu gerne eins auswischen. Andererseits konnte sich dieser kleine Einbruch für sie beide lohnen.
Eine halbe Stunde später kam Hubbi mit einem Topf frischem, warmem Eierlikör zurück zu ihrer Verkaufshütte. Meter folgte ihr auf wackeligen Beinen. Er war eindeutig betrunken. Gerda erwartete sie schon sehnsüchtig.
„Wo warst du denn so lange? Alle fragen nach Nachschub!“
„Ich habe dafür gesorgt, dass er nicht abbricht.“
Berthold schaute sie fragend an.
„Edeltraud hat sich bereit erklärt, in der Nuckelpinne frischen Eierlikör zu kochen und ihn dann regelmäßig her zu bringen.“
„Na dann, Prost!“, sagte Karl-Heinz und hob seinen essbaren Schnappspinn über den Kopf. Hubbi nahm sich auch einen und grinste. Wer weiß, was sie bei den Thermomix-Parties, die ab jetzt jeden Donnerstagabend in der Nuckelpinne stattfanden, noch lernen würde.

 

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